Betr.: Gesellschaft und Politik
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Schneller essen, schneller schlafen, schneller, duschen...
 Die Arbeiter und Angestellten in Deutschland, Großbritannien, Spanien und Schweden bringen, einer Studie des Bamberger Soziologen Manfred Garhammer zufolge, in den 90er Jahren so viel Zeit mit privater, unbezahlter Arbeit zu, daß die tarifpolitisch erkämpften Freistunden davon vollständig aufgezehrt werden. Versteckte Arbeit lauert nicht nur in der Familie, wo berufstätige Eltern heute z.B. 50 Prozent mehr Zeit für ihre Kinder benötigen. Durch das Verschwinden der schnell erreichbaren Tante- Emma-Läden verbrauchen die Europäer für den Einkauf doppelt soviel Zeit wie noch vor dreißig Jahren. Versteckte Arbeit findet sich auch dort, wo von öffentlicher Hand Leistungen an die Bürger abgewälzt werden. Rationalisiert z.B. die Deutsche Bundespost, indem sie eine Filiale schließt, liegt der nächste Schalter plötzlich ein paar Kilometer entfernt. Der Kauf einer Briefmarke gerät dann plötzlich zu einer zeitfressenden Unternehmung. 
  Obwohl die private Arbeit die beruflicherseits erzielte Zeitreserve wieder auffrißt, haben die Europäer doch durchschnittlich 38 Minuten mehr freie Zeit pro Tag als noch vor 30 Jahren. Aber dieser Zeitgewinn ist teuer erkauft: indem schneller gegessen, weniger geschlafen und weniger Zeit für die Körperpflege aufgewendet wird.
  Der Soziologe Garhammer fordert in seinem Buch "Wie Europäer ihre Zeit nutzen: Zeitstrukturen im Zeichen der Globalisierung" politische Entscheidungen, die einen tatsächlichen Zeitwohlstand und die damit verbundene Lebensqualität garantieren. Denn was nützt es, argumentiert er, wenn die westeuropäischen Nationen immer reicher werden, aber die Berufstätigen keine Zeit mehr haben, diesen Wohlstand auch zu genießen?

Manfred Garhammer:  Wie Europäer ihre Zeit nutzen - Zeitstrukturen und Zeitkulturen im Zeichen der Globalisierung. Edition Sigma, Berlin 1999; 555 Seiten, 58 DM