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h.m.e.'s landsberger poesie automat

hans magnus enzensberger hat in monatelanger klausur einen elektronischen poesieautomaten erschaffen, den er während des dreitägigen festivals "lyrik am lech" erstmals am samstag den 1.juli 2000, 11:00 im foyer des landberger stadttheaters vorstellte. enzensbergers gedichte produzierender computer war als höhepunkt der lyriktage in der lechstadt gedacht. von freitag 30. Juni, bis sonntag, 2.juli, hatten sich in landsberg autoren wie robert gernhardt, anton g. leitner, friedrich ani und albert ostermaier in diskussionsrunden und lesungen mit vielen aspekten der poesie beschäftigt.

Ein alter Menschheitstraum:
Die Schrift die sich selbst schreibt

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DIE SCHRIFT DIE SICH SELBST SCHREIBT

DIE FRAGE, OB SICH POESIE MASCHINELL HERSTELLEN LÄSST, BESCHÄFTIGT UNS SCHON LANGE. ENZENSBERGER ZITIERT EINEN ZEITUNGSARTIKEL VON 1777, IN DEM AUS GÖTTINGEN DIE ERFINDUNG EINER WINDGETRIEBENEN "POETISCHEN HANDMÜHLE" VERMELDET WIRD, "DURCH WELCHE MAN ODEN VON ALLEN GATTUNGEN GANZ MECHANISCH VERFERTIGEN KÖNNE". VOR GUT 25 JAHREN HAT SICH ENZENSBERGER DIESES PROBLEMS ANGENOMMEN UND EINE "EINLADUNG ZU EINEM POESIEAUTOMATEN" GESCHRIEBEN, DIE ER ALS EIN SPRACH- UND DENKSPIEL IN ZEITEN POLITISCHEN KATZENJAMMERS VERSTAND. NUN, IM SOMMER 2000 WAREN DIE TECHNISCHEN ENTWICKLUNGEN SO AUSGEREIFT, DASS ENZENSBERGERS PHANTASIE REALISIERT, DER AUTOMAT GEBAUT UND ZUM LYRIKFESTIVAL IN LANDSBERG/LECH ERSTMALS PRÄSENTIERT WURDE.

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Wenn Maschinen dichten am Lech, 
kommt etwas dabei heraus

Hans Magnus Enzensberger präsentierte beim Poesie-Festival 
"Lyrik am Lech" in Landsberg erstmals seinen Lyrik-Automaten
 

05.07.2000 - Der Dichter Hans Magnus Enzensberger präsentierte am Samstag im
oberbayerischen Landsberg am Lech vor mehreren hundert Zuschauern erstmals den von
ihm entwickelten "Poesieautomaten". Nachdem Enzensberger auf den Knopf einer Art
vergrößerten Computermaus gedrückt hatte, reihte sich vom Computer gesteuert, unter
lautem Klickern, Buchstabe für Buchstabe auf einer Anzeigetafel, wie man sie auf Flughäfen oder Bahnhöfen findet. Danach waren folgende Zeilen zu lesen: 

Überflüssige Erpressungen der Gremien, dieser fieberhafte Kunstgenuß am Wochenende
und diese vorgedruckten Zahlungsbefehle: Schleierhaft! 
Im Grunde langweilt uns doch manches. 

Einstweilen lediglich würgende Lügen. Pünktlich einschrumpfen! 
Einflüsterungen: ("Deine Freunde sind wieder so spießig.") 
Im Hinterkopf Nullsummenspiele. 

Das nackte Erbarmen sagt uns mehr als Impotenz, 
hierzulande schwimmen wir ganz allein. 

Sachzwänge. Ratlosigkeit. Zierliche Wunderwaffen. 

Anscheinend klappt alles.!
 

Enzensberger selbst misst den Gedichten seines Lyrik-Automaten keinen hohen
künstlerischen Wert bei, aber zu seiner Überraschung habe er bemerkt, dass die Texte, die herauskommen, "etwas sehr Enzensbergerisches" haben. Die Maschine könne
Minimalstandards setzen. Wer schlechter schreibe als der Automat, solle vielleicht von einer Publikation absehen. "Es ist ein Spiel. Wie weit man es mit Sinn auflädt, hängt vom
Betrachter ab. Es können Gedichte entstehen, die jemand was sagen." Die Produktivität der Gedichte erzeugenden Maschine übertreffe quantitativ "alles, was die Menschheit bisher an Poesie hervorgebracht hat", betont Enzensberger. Aus 10 mal 6 Verszeilen mit jeweils sechs Einzelgliedern enstehen durch kombinatorische Verbindungen eine Menge von Texten mit 10 hoch 36 Varianten, so viele, dass es "5 mal 10 hoch 29 Jahre dauert, bis sich der Text wiederholt - also praktisch nie". Ausdrucken will Enzensberger keines: "Die sollen auftauchen und wieder verschwinden.Wer will denn schon so viele Gedichte. 
Und wie kam Enzensberger die Idee zu einem Lyrikautomaten?: Angefangen habe es in den Siebziger Jahren, da habe er sich gelangweilt. "Es war eine bleierne Zeit, nach dem
Untergang der 68er." Er habe sich gegen die müde Stimmung sozusagen selbst therapiert, in dem er mit Textobjekten experimentierte, und griff dabei auf etwas zurück, was ihn schon immer fasziniert habe, die Mathematik. "Ich fragte mich, wie man ein System erfinden könnte, um Wortelemente nach dem Zufallsprinzip zu kombinieren", so Enzensberger in einem Interview mit der Münchenr Abendzeitung. Das werfe "natürlich Probleme auf: die formalen Grenzen, Grammatik, syntaktische Fragen, semantische Fragen, Füllwörter... Es gibt jede Menge verborgene Regeln, denn Text lässt sich ja nicht vollständig formalisieren." 
 

(boa München, quelle: az, sz) 
 
 

OHNE SICH JEMALS ZU WIEDERHOLEN

SEKUNDENSCHNELL LÄSST DER AUTOMAT AUF RÄTSELHAFT KOMBINATORISCHE WEISE UNENDLICH VIELE, SECHSZEILIGE GEDICHTE ENTSTEHEN. SO VIELE, DASS DIE GESAMTE BISHERIGE PRODUKTION IN DER GESCHICHTE DER MENSCHEIT UND ALLER BENACHBARTEN GALAXIEN ÜBERTROFFEN WIRD.

EIN ALTER MENSCHHEITSTRAUM IST DAMIT WAHR GEWORDEN: DIE SCHRIFT DIE SICH SELBST SCHREIBT, OHNE SICH JEMALS ZU WIEDERHOLEN.

IST DER POET MITSAMT SEINEM MANUSKRIPT DAMIT ÜBERFLÜSSIG GEWORDEN? UND WER SCHREIBT NUN DIE BESSEREN GEDICHTE, DER MENSCH ODER DIE MASCHINE? KOMMT DRAUF AN. H.M.E. VERSTEHT SEINEN POESIEAUTOMATEN ALS KRITISCHE INSTANZ, DIE MITLEIDLOS DIE SPREU VOM LYRISCHEN WEIZEN TRENNT: "WER NICHT BESSER DICHTEN KANN ALS DIESE MASCHINE, DER SOLL ES BLEIBEN LASSEN".

 ZUR FUNKTION DES POESIE-AUTOMATEN ERSCHEINT DAS ESSAY VON HANS MAGNUS ENZENSBERGER IM SUHRKAMP-VERLAG.

HANS MAGNUS ENZENSBERGER "EINLADUNG ZU EINEM POESIEAUTOMATEN", 
SUHRKAMP TASCHENBUCH, MAI 2000, 80 SEITEN, DM 12.90
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