Hans Rudolf Zeller

Kriterien der experimentellen Musik
(7) System und Projekt

Bayerischer Rundfunk, Bayern2 Radio (BR2)
FORUM MUSIK
13. Dezember 1999
22.05 Uhr

"Hans Rudolf Zellers Aufsätze etwa über Xenakis, Scelsi oder Schnebel gehören zum Besten, was in den letzten 20 Jahren zur neuen Musik formuliert wurde"
Frankfurter Rundschau, 20.10.1995


Die Frage der Kriterien experimenteller Musik wird erstaunlich selten gestellt, ganz so, als wären Kriterien von vornherein unvereinbar mit ihrem Begriff oder würden ihn unzulässig einschränken. Gewiß wäre dann nicht mehr alles Beliebige möglich. Aber gerade dies kann mit experimenteller Arbeit auch nicht gemeint sein, obwohl man sie kaum so eindeutig beurteilen kann, wie man vor längerer Zeit einmal glaubte sagen zu können, was etwa ein guter Kontrapunkt ist oder wie eine gute Oper gebaut zu sein hat. Und man konnte dies relativ gefahrlos, weil eine Vielzahl normativer Kriterien zur Verfügung stand, die von der Tradition mehr oder weniger beglaubigt waren. Auf sie kann experimentelle Kunst wie Musik nicht mehr zählen und darum sind ihre Kriterien ganz entschieden prospektive, um nicht zu sagen provisorische, zeitgebundene, jederzeit revidierbare.

Daß man sie auch erwartet, zeigt sich daran, wie oft manche Hörer selbst dort Improvisation am Werk sehen, wo noch alles strikt fixiert ist. Gleichwohl ist Improvisation eines der wichtigsten Kriterien der experimentellen Musik, jedoch nicht im Sinne von Beliebigkeit gegenüber Solidität und Strenge, sondern gerade in deren Dienst. Denn zumeist ist Improvisation eben nicht nur Improvisation - zumal wenn sie die Möglichkeiten der Neuen Medien erkundet. So galt David Tudor seit den 60er Jahren als Erfinder der sogenannten Live-Elektronik, nachdem er schon als Pianist den Typus des mitkomponierenden Interpreten repräsentiert hatte, der zugleich durch elektronische Umwandlung den Klavierklang unabsehbar erweiterte und deformierte. Selbst die traditionelle Unterscheidung von Komponist und Interpret schien danach obsolet. Denn auf seinem „Schreibtisch“ war nun eine Vielzahl von Klangkomponenten versammelt, über deren Funktionieren seine „Partitur“ oder vielmehr der Schaltplan nur beschränkten Aufschluß gab, weil sie sich eben nicht total beherrschen ließen. Komponieren hieß daher vor allem, den totalen Zusammenbruch des „Systems“ verhindern oder immer wieder neu zu beginnen.

Hans Rudolf Zeller

 
 
 

Hans Rudolf Zeller, geboren 1934 in Berlin, Studien in Freiburg und Köln. Seit 1959 Essays, Rundfunksendungen, Übersetzungen und experimentelle Texte. Mitarbeiter der Schriftenreihe MUSIK-KONZEPTE und der ZEITSCHRIFT FÜR EXPERIMENTELLE MUSIK. Editionen: Dieter Schnebel Denkbare Musik (1972) und Cage Box (1979). Xenakis-Ausstellung in Bonn (1974). Veranstaltungsreihe über Musik der anderen Tradition (Bonn 1981), über das Gesamtwerk von Alban Berg (Kalkutta 1985 / München 1986), über Edgard Varese und Ferruccio Busoni (Sofia 1994). Entwurf einer kinematologischen Literatur in verschiedenen Dimensionen: Textbänder -operative Texte - Handschriften - Versuche für Sprechorgane u.a. Blablamata (1963),  kinem kontexte (1965); kinem X. Seit 1976 Medienkompositionen (Marx-Mill; Schallplattenmusik) sowie Sprech-Schriften und Stücke für Stimme(n) und Diascriptor(en)  (u.a. DENKFIGUR, DIA-LOG, Essay über Klänge, ohne abzusetzen, Klavierartikulation). In den 90er Jahren Vortragsreisen über werkspezifische Mikrotonsysteme und Modelle der Medienkomposition. Husserl-Töne für Sprecher und Folienprojektionen. Arbeiten zum Projekt Schrift - Laut - Musik mit Videoproduktionen (Scriptophonie). Siebenteilige Sendereihe: Kriterien der experimentellen Musik (1999). Mitherausgeber von Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten (2003). Sendereihe Zwischen Mythos und Mathematik - Iannis Xenakis und die experimentelle Musik danach (2004). Ausstellung Tesa-Arbeiten und Klammerausdrücke (2004). Bögen für (und) Diascriptor und Stimme (2005/2006). Tesa-Klänge: Performance mit Klebestreifen. Das Stimmen eines Flügels als ein Stück Musik, Performance. Vierteltonstimmung und Komposition: Franz Schillinger in memoriam (2005). Dreizeiler und Buchstaben-Sequenzen, Lesung. Lautspirale für Diascriptor und Stimme (2006). Wanderungen für 2 Diascriptoren (2007). Tesa-Bilder und Tesa-Klänge: Ausstellung und experimentelle Klangaktionen(2008). Hans Rudolf Zeller lebt in München.





Schrift - Laut - Musik

HRZ Schrift-Laut-Musik 1
Abbildung 1         

Hans Rudolf Zeller entwickelt seit fast vierzig Jahren, ausgehend von der Schwierigkeit von Notation und deren "Zeichen", das künstlerische Konzept einer Schrift - Laut - Musik. Kompositorische Prozesse werden spielerisch Gegenstand von Komposition. Notation als Zeichensetzen, von Gedanken über Sprechen zum Schreiben. Spielfeld meist Diascriptoren, die den eher intimen Vorgang des Notierens öffentlich machen. Improvisatorische Elemente in der Ausführung erfordern eine neue Art von Ensemblespiel im Rahmen des vorgegebenen Konzepts.

HRZ Schrift-Laut-Musik 2
Abbildung 2         


Zeller schreibt:„Von Schrift-Laut-Musik wäre zu sprechen, wenn vokale Artikulationen unmittelbar ...mit skripturalen konfrontiert werden, wenn beide simultan zusammenwirken, teils einander ablösen oder ineinanderübergehen.“ Zeller hat in der Vergangenheit verschiedene Aufführungsformen für seine Schrift-Laut-Musik konzipiert. Dabei verwendet er jeweils verschiedene technische Apparate. So kann eine Aufführung allein mit Stift und Papier und der Stimme geschehen oder mit Overhaedprojektor und Stimme oder mit Overhaedprojektor, Stimme und Video-Reproduktionen (Scriptophonie). In der von SKOP herausgegebenen Dokumentation Laut - Stimme - Sprache [1] beschreibt Zeller diese verschiedenen Formen seiner Schrift-Laut-Musik. Eine Besonderheit sind die für diese Dokumentation speziell hergestellten 5 Foliogramme in 5 Varianten. Durch die Foliogramme fällt der Blick auf die 7 Fragen, die Bernhard Uske Hans Rudolf Zeller stellte zu seiner Schrift-Laut-Musik.

[1] SKOP-Dokumentation Laut - Stimme - Sprache mit Beiträgen von Heinz-Klaus Metzger,  Hans Rudolf Zeller, René Bastian, Robert Harnischmacher, Eckhard Rhode, Peter Fjodorof, Jörg Burkhardt sowie der Gruppe ZBM: 91 Textseiten, 5 Foliogramme, zwei MC‘s.

Zu beziehen beim Verlag Dietmar Fölbach, Koblenz, ISBN 3-923532-90-3 oder bei SKOP (28 Euro inkl. Versandkosten). Mail an SKOP skop@skop-ffm.de

Nach Eingang von 28 Euro auf das SKOP-Konto:
Frankfurter Sparkasse 1822, Kto.Nr. 1 245 647 847, BLZ 500 502 01
erfolgt die Verschickung der Dokumentation.

SKOP ist ein "Verein für neue künstlerische Ausdrucksformen" in Frankfurt a.M.
http://www.Skop-ffm.de


Hans Rudolf Zeller - Metaphilosophische Voraussetzungen der Schrift-Laut-Musik

Das gewandelte Verhältnis zur Schrift und ihre selbst schon kompositorische Gestaltung bildet eines der wesentlichen Kriterien für das Experimentelle der experimentellen Musik...

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Hans Rudolf Zeller - "Triptychon für Stimme, Schrift und Kaligraphie"

Videoaufzeichnung, 5-minütiger Ausschnitt aus Teil 2 der Scriptophonie "Triptychon für Stimme, Schrift und Kaligraphie - Overheadprojektion. transparente Folie, Schreibstift. Aufführung  in Meran am 28. März 2008 (Tesabilder und Tesaklänge - Ausstellung und experimentelle Aktionen, Schloss Kallmünz)...

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Hans Rudolf Zeller - DIA-LOG

für zwei Akteure an zwei Diascriptoren...

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Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten

Selbst in der avancierten neuen Musik blieb die zentrale Frage nach der Gültigkeit des temperierten Systems auch nach größten Erschütterungen wie dem Zweiten Weltkrieg weitgehend ausgeklammert. Dabei ging es immerhin um die Frage, wie Musik letztlich klingen soll, zum Beispiel welche Intervalle von welchem System erlaubt sind und welche nicht, ob Musik auf Dauer auch mit "jenem Kompromiß, das sich temperiertes System nennt, das einen auf unbestimmte Frist geschlossenen Waffenstillstand darstellt" (Schönberg), leben kann oder ob sie sich der befristeten Lösung ihres Problems endlich entledigen und anderen Stimmungen (durchaus auch im emotionalen Sinne) nachgeben und folgen muss.

Bereits 1981, vor nun mehr als zwanzig Jahren, beschäftigte sich eine von Hans Rudolf Zeller konzipierte Veranstaltungsreihe (Musik der anderen Tradition) in Bonn im Rahmen der "Tage neuer Musik" in Workshops und Konzerten ausführlich mit dieser Frage, nämlich inwieweit es neben besagter Tradition des rücksichtsvollen, um nicht zu sagen faulen Kompromisses nicht andere, von dessen Hauptstrom abweichende und daher auch immer wieder verschüttete Traditionen gibt. In der Tat kann man sie bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, und Schönberg zögerte nicht, ihre Anfänge gleich auf den ersten Seiten seiner "Harmonielehre" zu diskutieren.


Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten 
ist der Titel eines von Hans Rudolf Zeller mitherausgegebenen Sonderbandes der Reihe Musik-Konzepte (Hrg. Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn):

edition text + kritik im Richard Borrberg Verlag, München 2003, 26 EUR
http://www.etk-muenchen.de/musik/

Flashfilme :
Hans Rudolf Zeller - Sprechschriftbild - Statische Zeichnung und Sprechen:
http://www.uni-ulm.de/uni/intgruppen/muwe/programm/medienkunst/flashfilme/1u2.html
http://www.uni-ulm.de/uni/intgruppen/muwe/programm/medienkunst/flashfilme/la.html



 


 

 

Hans Rudolf Zeller

Konzert zum 70. Geburtstag

HRZ

eigene Werke und Beiträge von künstlerischen Weggefährten
und befreundeten Kollegen

mit

Hans Rudolf Zeller
Dieter Schnebel | Heinz-Klaus Metzger | Rainer Riehn
Loise Ingebos | Jörg Burkhard | Edith Rom | Stephan Wunderlich

Samstag, 10. April 2004 - 20 Uhr

München, Gasteig, Kleiner Konzertsaal

Eintritt frei

Programm-Information:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/hrz70_01.htm#hrz_70_konzert_programm

Veranstaltung in Verbindung mit dem Kulturreferat der LH München


 

 


 

 

hans rudolf zeller


tesa-arbeiten + klammerausdrücke

aus den 60-er jahren


ausstellung - seit freitag 5. märz 2004

b.o.a. - gabelsbergerstrasse 17 - 80333 münchen

öffnung nach vereinbarung: tel.+ fax 089-39 43 66


 




Hans Rudolf Zeller - Tesa-Arbeiten und Klammerausdrücke

Der Beginn der künstlerischen Arbeit mit Tesafilm ist von Hans Rudolf Zeller mit einem Kalenderblatt vom Juni 1961 fixiert worden, ihr Ende bleibt bis heute offen...
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Hans Rudolf Zeller - Tesa-Bilder - Ausstellung 2008, Schloss Kallmünz, Meran.
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Tesa-Bilder Auswahl (Diashow, 24 Bilder)
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Hans Rudolf Zeller - Tetralogie Band 1: schwarz-auf-weiß - 1967

In Band 1, schwarz auf weiß geht es um das Schwarz der Lettern und seine differenzierte Strukturierung...
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Abbildungen 1, 2 und 3 aus: Hans Rudolf Zeller - "Unterwegs in M. - morgens" für Folienband und konkrete Klänge. Aufführung am 22. Februar 1995 im Kultur Raum Milbertshofen. Folienbandausschnitte 0 bis 42 cm bzw 336 cm bis 378 cm bzw 1428 cm bis 1449 cm.

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