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"Netzkunst ist tot, und ich lebe noch":
Cyber-Kultur in Russland
Der Medienberichterstattung nach zu schließen, ist die Bedeutung, die dem Internet in Rußland zugeschrieben wird,  stark gestiegen. Es muß dabei aber betont werden, daß alles, was mit "cyber" zu tun hat, demografisch gesehen immer noch äußerst marginal ist. Auf die  größere Bedeutung lassen auch Pläne des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB schließen, bei allen Internet Service Providern (ISP) sogenannte Snoop-Vorrichtungen zu installieren, die es in Echtzeit erlauben, alle Datenströme russischer ISP nach bestimmten Kriterien zu durchsuchen. 
  Zwischen dem offen ausgelegten Medium Internet und dem nicht unbedingt liberalen Grundtenor in der russischen Gesellschaft ergeben sich so manche Widersprüche. So verwenden politische Extremisten das Internet zur Verbreitung ihrer Propaganda. Die sogenannten Nationalbolschewisten um den neurechten Ideologen Aleksandr Dugin und den Schriftsteller Eduard Limonov, die sich unter Bezugnahme auf Sir Karl Popper als offene Feinde  der offenen Gesellschaft deklarieren, wollen etwa die Liberalität des Leitmediums der offenen Gesellschaft zur Zerstörung eben dieser - beziehungsweise dessen, was von ihr inRußland vorhanden ist - verwenden.
  Die Bezeichung "russisches Internet" oder "russischer Cyberspace" ist problematisch, da nationale Grenzen im Netz nicht mehr gelten und auch die nationalen Domains - etwa "ru" - im Grunde ein Anachronismus sind. 
  Eine der wichtigsten Besonderheit des Internet in Rußland stellt seine weit verbreitete Literaturlastigkeit dar. War der "Literaturzentrismus" der russischen Gesellschaft in den frühen Neunzigern schon für halbtot erklärt worden, so belehren zahlreiche Literaturprojekte im Netz eines Besseren und zeugen vom Fortleben der besonderen Bedeutung des Wortes in der russischen (Cyber-)Kultur. Die Palette literarischer Netzprojekte ist weit gestreut, als mittlerweile klassisch gilt das Hyper-Romanprojekt ROMAN [1], in dem kollektiv an einem Roman geschrieben wurde. Ein weiteres Beispiel ist der Internet-Literaturwettbewerb TENJOTA [2] (Fangnetz), bei dem etablierte Schriftsteller Texte junger Autoren bewerten, die zuerst im Internet publiziert werden.
  Die außerordentliche Produktivität des Genres Gäste- beziehungsweise Beschwerdebuch stellt eine weitere Besonderheit der russischen Netzkultur dar. Derartige Bücher wurden zu sowjetischen Zeiten von öffentlichen Einrichtungen geführt und in der Regel auch recht eifrig verwendet. Die Übertragung dieser sowjetischen Institution ins Internet schuf ein sehr aktives Genre, derartige "Guestbooks" [3] werden für vielfältige Diskussionen verwendet.
  Demgegenüber agieren zwei der bekanntesten Netzkünstlerinnen aus Moskau vorwiegend in der westlichen Netzkunstszene. Stellte Netzkunst für "Cyber-Majakovskij" Aleksei Shulgin vor einigen Jahren noch eine Möglichkeit zur Flucht aus diversen Kontexten dar - etwa jenem der etablierten Kunstinstitutionen - so sind diese Kunstinstitutionen mittlerweile auf der Jagd nach eben dieser. Shulgin hat sich - zumindest momentan - von der Netzkunst verabschiedet und schreibt für die Online-Zeitschrift "zhurnal.ru" [4] programmatische Artikel, etwa zu dem Thema "Netzkunst ist tot, und ich lebe noch".
  Olja Ljalina eröffnete am 1. Juli1998 die weltweit erste kommerzielle net.art-Galerie im Internet mit der Ausstellung "Miniatures of the Heroic Period" [5] . In eine ganz andere Richtung weisen eine Reihe von Netzkunstwerken, in denen die besondere Bedeutung des Cyberspace für die Zukunft der Menschheit thematisiert wird. In diese Kategorie fallen etwa Arbeiten der Künstlergruppe "Kooperation unbewohnbare Zeit" [6], die auch außerhalb des Internet aktiv ist, beziehungsweise das Projekt "Digital Mind Transform"[7] der Moskauer Künstler Ruslan Rubankij und Andrej Finkelstein.
  Im Zusammenhang mit diesen Aspekten finden sich starke Parallelen zwischen russischen und westlichen Vorstellungen.
  Abschließend ist jedoch zu sagen, daß "Internet: Kyberleben und Kyberliebe" - so der Werbespruch eines Petersburger ISP - für die Mehrheit der RussInnen lediglich Zukunftsmusik ist, zumal nur etwa ein Viertel der russischen Bevölkerung einen Telefonanschluß besitzt und optimistischen Schätzungen zufolge erst ein Prozent  aller Russen vernetzt ist. (Quelle: "Springerin", Ausgabe Dez.98/Feb.99)
 
 

Russische Internet-Projekte



[1]  Das Hyper-Roman-Projekt ROMAN:
       http://www.cs.ut.ee/~roman_l/hyperfiction      zurück


[2]  Der Internet-Literaturwettbewerb TENJOTA:
       http://www.art.spb.ru/konkurs                         zurück


[3]  Guestbook des Internet-Literaturwettbewerbs TENJOTA:
       http://www.art.spb.ru/guestbook.html             zurück


[4]  Online-Zeitschrift "zhurnal.ru":
       http://www.zhurnal.ru/netart                             zurück


[5]  Internet-Ausstellung "Miniatures of the Heroic Period":
       http://art.teleportacia.org                               zurück


[6]  Künstlergruppe "Kooperation unbewohnbare Zeit" 
       http://people.weekend.ru   und 
       http://sampo.karelia.ru
                                                                               zurück


[7]  Internet-Projekt "Digital Mind Transform":
       http://www.dmt.df.ru                                       zurück 

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