Betr.: Medien
 
Die Differenz von Medium und Form
Es gibt kein Medium ohne Form und keine Form ohne Medium

Medien unterscheiden sich von anderen Materialitäten dadurch, daß sie ein hohes Maß an Auflösung gewähren. Der ursprüngliche Begriff für Materie - im Unterschied zur Form - hatte genau diesen Sinn: das von sich aus Unbestimmte und daher für Form empfängliche, auf Form Angewiesene zu bezeichnen.

Um Relativität und Evolutionsfähigkeit zu betonen, wollen wir Medien durch ein höheres Maß an Auflösevermögen mit Aufnahmefähigkeit für Gestaltfixierungen kennzeichnen.

Weder gibt es ein Medium ohne Form noch eine Form ohne Medium. Immer geht es um eine Differenz von wechseseitiger Unabhängigkeit und wechselseitiger Abhängigkeit der Elemente; und daß es um eine Differenz geht, heißt, daß ein Anhängigkeitsverhältnis höherer Art ins Spiel kommt.

Um über Kunst kommunizieren zu können, muß man mithin die Differenz von Primärmedium und Form voraussetzen und diese Differenz selbst zum Medium machen. Man muß die Freiheit erkennen, die der Künstler sich für die Formwahl schafft. Kommunikation über Kunst ist nur auf dieser Basis möglich, denn sie muß voraussetzen können, daß Information zu gewinnen ist, und das heißt: daß es auch anders möglich wäre.

Die Kunst muß sich, mit anderen Worten, der Form bedienen, wenn sie zeigen will, wie weit sich etwas auflösen und rekombinieren läßt, so wie sie Form nur gewinnen kann, wenn sie ein entkoppeltes Medium voraussetzt. Die Differenz von Medium und Form kann ins Unwahrscheinliche getrieben werden - aber nur in den Grenzen, in denen die Kommunikation der Form noch gelingt.

Niklas Luhmann, "Das Medium der Kunst", in: Delfin, 4.Jg. H. 1. Dezember 1986, S.6, 7, 12, 15.
 


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