Zarathustra-Phantasie vom Übermenschen 
Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert Elitenverbund
In der Philosophenszene rumort es: Der in Karlsruhe lehrende Peter Sloterdijk hat mit einem Vortrag auf dem bayerischen Schloss Elmau einen Eklat ausgelöst. Ihm schwebt eine demokratiefreie Arbeitsgemeinschaft aus echten Philosophen und einschlägigen Gentechnikern vor, die nicht länger moralische Fragen erörtern, sondern praktische Maßnahmen ergreifen. Diesem Elitenverbund soll die Aufgabe zufallen, mithilfe von Selektion und Züchtung die genetische Revision der Gattungsgeschichte einzuleiten. 
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Sloterdijk begründet sein Plädoyer für gentechnische Selektion mit einer düsteren Diagnose. In der eskalierenden Moderne, sagt er, wachse das barbarische Potential der Zivilisation. Die "alltägliche Bestialisierung des Menschen in den Medien der enthemmenden Unterhaltung" nehme zu. "Die Ära des neuzeutlichen Humanismus ist abgelaufen, weil die Illusion nicht länger sich halten läßt, politische und ökonomische Großstrukturen könnten nach dem amiablen Modell der literarischen Gesellschaft organisiert werden." Die "Entwilderung" des Menschen ist gescheitert und die "Zukunft von Humanität" bei den alten "Humanisierungsmedien" in schlechten Händen... (Quelle: Die Zeit vom 02.09.99)
 
 

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  Vom 16. Juli bis 20. Juli 1999 fand die Tagung "Jenseits des Seins – Exodus from Being" auf Schloss Elmau in Oberbayern statt. 16 Philosophen und zwei Theologen wollten die Lage der Philosophie am Ausgang des Jahrtausends klären und schauen, welche Perspektiven es für ihr Fach nach Heidegger geben könne. Doch die Vorstellung einer harmlosen Philosophentagung sollte danach bald gründlich revidiert werden. Das ist Peter Sloterdijk zu verdanken, der seinen inzwischen im Lande kursierenden Vortrag, "Regeln für den Menschenpark – Ein Antwortbrief über den Humanismus" nannte, in Anspielung an einen "Brief über den Humanismus" den der Philosoph Martin Heidegger 1946 an seinen  französischen Kollegen  Jaean Beafret schrieb.
  Worum ging  es in Elmau? Ganz einfach gesagt: Um die Rolle der Philosophie in einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass Philosophen allenfalls noch die Fußnoten zu dem liefern, was sich in der Technik ereignet. Und Peter Sloterdijk möchte für sein Fach den Platz an der Sonne im Wettstreit der Interpretationsangebote zurückerobern. Dazu müsse die Philosophie endlich ihr altes Gepäck – zum Beispiel den Humanismus – über Bord werfen.

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  Es geht Sloterdijk um die "Epochenfrage": "Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?" Um darauf antworten zu können, überführt er die philosophische Fachsprache in die Rhetorik des Krieges: "Die Lichtung ist zugleich ein Kampfplatz und ein Ort der Entscheidung und Selektion." Es darf nicht länger gefackelt werden, denn die Gentechnologie schafft neue Fakten. Bevor die Philosophen überflüssig werden, müssen sie Regeln aufstellen, damit das, was künftig mit Menschen geschieht – zähmen, züchten, selektieren – nicht aus ihrem Ruder läuft.

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  Sloderdijk bietet Platons Dialog "Politikos" und Nietzsches "Zarathustra" auf, um für die kommenden Ungeheuerlichkeiten historische Zeugen zu haben. Nietzsche etwa, der "Maß" nahm an "tausendjährigen Prozessen"(!), artikuliere Züchtungsideen am Beispiel des "Übermenschen". Platon hingegen sei Ursache für die "intellektuelle Unruhe im Menschenpark", weil er, so Sloterdijk, den Plan für einen künftigen Staat ausheckt samt einem noch zu züchtenden "Staatsvolk". Der Dialog enthalte die "Präambel einer politischen Anthropotechnik", die nur von einem "Gott" beherrscht werde.
  Doch leider haben sich die Götter schon lange zurückgezogen. Zurück blieben die "Weisen", die stets nur wenige sind. Ihnen obliege es nun, die Züchtung und Selektion in den Griff zu kriegen. Denn nur sie haben den privilegierten Zugang zu den Urbildern, also zur in Archiven gelagerten Wahrheit. 1

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  Im Herbst 1946 schrieb der Philosoph Martin Heidegger seinem französischen Kollegen Jean Beaufret einen ausführlichen Brief, der als "Brief über den Humanismus" bekannt wurde. Weil sein Autor ihn für wichtig hielt, wurde der Brief 1947 veröffentlicht. Darin führt Heidegger seine Philosophie weiter wie bisher, als ob es weder einen Zweiten Weltkrieg noch die eigene Lust am "Führen des Führers" gegeben hätte. Heidegger nutzt vielmehr die Gelegenheit, um einen möglichen Konkurrenten um das Deutungsprimat ein für alle Mal bloßzustellen: den Humanismus.
  Mit seiner Entscheidung, lediglich ein Denken zu akzeptieren, das ein "Andenken an das Sein ist und nichts außerdem", versagte sich Heidegger der Notwendigkeit ethischer Überlegungen. Ethik ist für den Mann aus Meßkirch nur eine "Disciplin". Die Ethik, das hatte er schon in "Sein und Zeit" (1927) geschrieben und wird jetzt noch einmal wiederholt, müsse durch die "Daseinsanalytik" ersetzt werden, denn nur die reiche an die grundsätzlichen Probleme der Zeit heran. Erst die formale Analyse des "Daseins" lasse erkennen, wo der Mensch heute steht: "Vielleicht besteht das Auszeichnende dieses Weltalters in der Verschlossenheit der Dimension des Heilen. Vielleicht  ist dies das ganze Unheil." 2
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Peter Sloderdijk, geb. in Karlsruhe, 26.6.47,
deutscher Kulturphilosoph,
lehrt an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe.
Er wurde bekannt mit dem philosophiekritischen Werk
"Kritik der zynischen Vernunft"

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Peter Sloterdijk
"Regeln für den Menschenpark.
Ein Antwortbrief über den Humanismus"
veröffentlicht im Internet unter:
www.rightleft.net
 
Außerdem ist eine Druck-Veröffentlichung angekündigt in:
Kultur und Menschlichkeit.
Neue Wege des Humanismus
Herausgegeben von
Frank Geerk
1999, 336 Seiten, broschiert, DM 48,-
Verlag Schwabe & Co, Basel
ISBN 3-7965-1057-4

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Quelle:
1  Berliner Zeitung, Thomas Meier, Doppelherrschaft von Philosophie und Gentechnik
 


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Quelle:
Berliner Zeitung, Thomas Meier, Doppelherrschaft von Philosophie und Gentechnik

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Heidegger, Martin:
dt. Philosoph, * 26.09.1889 Meßkirch, Baden, † 26.05.1976 Freiburg i. Br.
  Heidegger wurde 1927 mit der ersten Hälfte seines Hauptwerks »Sein und Zeit« (ein 2. Teil ist nicht erschienen) schlagartig bekannt. Mit seiner systematischen Fundamentalontologie gehört H. zu den besonders im Ausland einflußreichen, in Deutschland eher umstrittenen Existenzphilosophen. Eine Antwort auf die Aristotelische Frage nach dem Sinn des Seins versuchte H. zunächst für das menschliche »Dasein« zu geben, für das die Zeitlichkeit als Einheit von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart charakteristisch sei. Zugang zu seinem eigentlichen Selbst finde das Dasein in der Angst, einer ursprünglichen Befindlichkeit, in welcher Nichtigkeit und Unheimlichkeit der Existenz erfahren werden. Die Gestaltung des Lebens in der Gegenwart gelingt nach H. durch das Betrachten des Lebens aus dem Bewußtsein der eigenen »Verfallenheit«. Mit seiner späteren Unterscheidung zwischen Sein und Seiendem, dargestellt in einer eigenwilligen, dunklen und dichterischen Sprache, übte H. großen Einfluß auf die Theologie (K. Rahner, R. Bultmann) aus, die von Gott als Sein, unterschieden von allem Seienden, spricht. Auch auf Psychologie, Geisteswissenschaften und andere Bereiche des kulturellen Lebens strahlte H.s Denken aus. 3

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Quelle:

3  Das 20.Jahrhundert, Chronk, CD-ROM, Bertelsmann
 


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