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Lautloses Sterben

Von den rund 6000 Sprachen der Welt sterben wahrscheinlich mehr als die Hälfte in den nächsten hundert Jahren.

"Ein solches Sprachensterben hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben", sagt der walisische Sprachwissenschaftler David Crystal, Autor des Buches "Language Death". Alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache für immer.

Jede Sprache ist ein Universum für sich, "eine vielschichtige Ansammlung von Klängen und Symbolen", sagt Koichiro Matsuura, Generaldirektor der Unesco. Die Kulturorganisation hat den 21.Februar zum Internationalen Muttersprachentag erklärt. 1952 starben an diesem Tag sieben Demonstranten im Kugelhagel der Polizei von Dhaka - sie demonstrierten für Bengali als Staatssprache des künftigen Bangladesch. Die Unesco setzt mit diesem Tag ein Zeichen für die Rechte aller Muttersprachen und warnt vor dem rapiden Sprachensterben. Die Unesco sieht in der Mehrsprachigkeit den Schlüssel zur Völkerverständigung: Mehrsprachigkeit fördere die Offenheit für andere Kulturen. Beachtet wird der Muttersprachentag erst seit 2001, denn erst in den letzten Jahren förderten Feldforschungen verlässliche Zahlen ans Licht, die wegen der schwierigen Unterscheidung zwischen Sprache und Dialekt immer noch häufig variieren. 

"Die meisten Sprachen sterben in der Nähe des Äquators, da sie sich dort ballen", sagt Crystal. In vier Ländern werden mehr als ein Drittel aller Sprachen gesprochen: Papua-Neuguinea - mit nur 3,6 Millionen Einwohnern - zählt mehr als 700, Nigeria und Indien je mehr als 400.

Die Sprachenvielfalt ruht auf den Schultern weniger, denn nur 4 Prozent der Menschen sprechen 96 Prozent aller Sprachen. Einigen Riesen wie Mandarin, das von 885 Millionen Menschen gesprochen wird, oder Englisch und Spanisch, das jeweils mehr als 220 Millionen beherrschen, steht eine Schar von Zwergen gegenüber: 5000 Sprachen werden von weniger als 100 000 Menschen verwendet.

Das Sprachensterben betrifft jedoch keineswegs nur entlegene Winkel des Erdballs: "In Europa sterben etwa vier Sprachen pro Jahrzehnt", sagt der Linguist Tapani Salminen. Im von der Unesco herausgegebenen Roten Buch der gefährdeten Sprachen stuft der Finne 73 europäische als bedroht ein, darunter Baskisch, Irisch, Okzitanisch und Bretonisch. In Deutschland sind die Sprache der Sinti und Roma sowie Sorbisch und Friesisch in Gefahr. Das westlich von Bremen ansässige Saterfriesisch beherrschen nur noch 2000 Menschen.

Sprachen sind schon immer untergegangen. "Aber es sind noch nie so viele so schnell verschwunden", meint Crystal. Zur Zeit der Renaissance gab es rund 10 000 Sprachen, so der französische Linguist Claude Hagége. Vor allem die Auswirkungen des Kolonialismus hätten sie auf die Hälfte dezimiert. (Quelle: sz, 23.02.02)
 
 

 

Der Menscheit geht ein enormer Wissensschatz verloren

In den vergangenen 100 Jahren sind 600 Sprachen ausgestorben

Mi.06.12.00 - Die Umweltorganisation WWF schlägt Alarm, weil jahr- hundertealtes traditionelles Wissen ethnischer Gruppen über Ökologie und Umwelt durch das Sprachensterben verloren geht. In den vergange- nen 100 Jahren sind nach einer neuen WWF-Studie 600 Sprachen ausge- storben. Die Hälfte der verbliebenen 6000 Sprachen sei bereits fast verschwunden oder vom Aussterben bedroht. Damit ginge der Menschheit ein enormer Wissensschatz verloren. 

Registriert wurden mehr als 6500 Volksgruppen, von denen zwei Drit- tel in Regionen mit höchster biologischer Vielfalt leben, etwa den Regenwäldern. Um deren Wissen, das oft nur mündlich weitergegeben wird, zu erhalten, müsse ihre kulturelle Identität und ihre Sprache erhalten bleiben. Durch die Globalisierung würden einige wenige do- minante Sprachen zum Nachteil der Muttersprachen forciert. Die Welt- gemeinschaft müsse die Völker unterstützen und ihre Gesellschaften stärken. [1] .

 

Mehrsprachigkeit fördern

Die Unesco sieht den Schlüssel zu Völkerverständigung in der Mehrsprachigkeit, die Offenheit für andere Kulturen fördere. Mehrsprachigkeit ist weltweit Normalität: Dreiviertel der Weltbevölkerung sei, so der Sprachwissenschafler David Crystal, bilingual, und nicht wenige trilingual. Nur eine politische Förderung der Mehrsprachigkeit könne den Globalisierungsdruck auf kleine Sprachen eindämmen. 

Hoffnung sieht Crystal im Internet. Der Englisch-Anteil im Web sei von 100 Prozent auf 60 gefallen, in 1500 Sprachen wird inzwischen im Cyberspace kommuniziert. Entscheidend bleiben laut Crystal jedoch politischer Wille und Investititionen, die - hoch dosiert - Berge versetzen könnten. Die spektakulärste Erfogs-Story ist das Hebräische. Nachdem es 2500 Jahre lang nur in Schrift und Ritus existierte, machte Ben Yehuda (1858-1922)es zur Muttersprache der Israelis.

Solche philologischen Kraftakte sind nur möglich, wenn eine schriftliche Basis vorhanden ist. Aber nur wenige hundert Sprachen haben eine Schrift. Crystal: "Eine schriftlose Sprache, die stirbt, ist wie eine Sprache, die niemals war".
 

 

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1) The report Indigenous and Traditional Peoples of the World and Ecoregion Conservation: An Integrated Approach to Conserving the World's Biological and Cultural Diversity and the map are the results of a research project that has found a total number of 4,635 ethnolinguistic groups living in 225 regions of the highest biological importance, which represents 67 percent of an approximate global total of 6,867 ethnolinguistic groups. The study highlights that languages spoken by indigenous and traditional peoples are rapidly disappearing. Since the ecological knowledge accumulated by indigenous people in their long history of managing the environment is embodied in languages, language extinction is leading to loss of
ecological knowledge, especially since in most traditional cultures this knowledge is only passed on to other groups or new generations orally. 

"As a conservation organization, WWF is concerned about the loss of
biodiversity," said Gonzalo Oviedo, head of People and Conservation at WWF International. "But it is also increasingly worried about the disappearance of traditional ecological knowledge. Governments and the international community should decidedly support indigenous and traditional peoples to strengthen their cultures and societies while managing their resources sustainably". 

In one century, the world has lost about 600 languages. Today, half of the approximately 6,000 remaining languages are either extinct or highly threatened, and at current rates, 90 percent will be lost in the 21st century. The majority of these are languages spoken by indigenous and traditional peoples. They - and their associated ecological knowledge - are being lost at growing speed because of the expansion of markets, global communications, and other aspects of globalization that promote dominant languages at the expense of native ones. 

WWF recognizes the right of traditional peoples to development options that are culturally determined and not imposed from outside, and that incorporate customary, sustainable resource use" adds Gonzalo Oviedo. "Achieving this objective is a difficult and complex challenge in times of globalization and expanding economic and market forces. It requires co-operation and alliances, both locally and globally. In terms of conservation and development, this implies the participation of indigenous and traditional peoples in projects affecting them." 

The map shows that tropical forests are not only the biologically richest areas on Earth, but also the most culturally diverse ones, as 42 percent of all ethnolinguistic groups world-wide are living in or around these ecosystems. This makes conservation of tropical forests of utmost importance both for biodiversity and for the survival of the cultural diversity represented by forest-dependent peoples. 

WWF produced the map and the report in collaboration with the international non-governemental organization Terralingua. 

For further information: 

Gonzalo Oviedo, Head, People & Conservation, 
WWF International, tel.: +41 22 364 9542 

Olivier van Bogaert, Press Officer, 
WWF International, tel.: +41 22 364 9554 

WWF Global Network 
http:/www.panda.org
 

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